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20.09.2017

Das Aktuelle Medieninterview – Kritischer Qualitäts­journalismus – ein edler Wert

11.08.2017
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PreMedia Newsletter:
Hr. Leyendecker, welchen Stellenwert hat der investigative Journalismus für unsere Gesellschaft in einer Zeit der medialen Informationsüberflutung?

Hans Leyendecker:
Hr. Malik, noch nie gab es so viele Investigativ-Ressorts wie heute. Die gründliche Recherche ist wichtiger denn je. „To investigate“ bedeutet ermitteln, nachforschen untersuchen – das meint eine Suche nach bisher unbekannten Informationen, Zusammenhängen oder Gründen für bestimmte Ereignisse oder Entwicklungen. Solcher Journalismus geschieht häufig gegen Widerstände und Barrieren, denn an der Aufdeckung hat die Gegenseite meist kein Interesse. Gerade wegen der medialen Überflutung braucht es mehr investigativen Journalismus.

PreMedia Newsletter:
Kann ermittelndes, kritisches Storytelling in der Gesellschaft wirklich ein neues Bewusstsein, auch Veränderungen, initiieren?

Hans Leyendecker:
Mit den Veränderungen ist das so eine Sache. Man kann durch Journalismus nicht die Gesellschaft verändern, aber für einen Zeitraum die Aufmerksamkeit auf ein wichtiges Thema lenken.

PreMedia Newsletter:
Sie haben bei vielen großen Recherchen federführend mitgewirkt. Welches Berufsbild sollte ein Investigativ-Journalist anstreben? Was sind die Eintritts-Voraussetzungen für diese hochsensiblen Recherchen?

Hans Leyendecker:
Der gute Investigativ-Journalist sollte vor allem kein Jäger
sein. Er muss vor allem ergebnisoffen arbeiten. Es gibt keine speziellen Eintritts-Voraussetzungen, aber  Jura-Kenntnisse können hilfreich sein.   

PreMedia Newsletter:
Wie sieht denn die tägliche Arbeitspraxis eines Investigativ-Journalisten aus? Was muss er zwingend können, wo kann er Fehler begehen? Welche Fehler sollten unbedingt vermieden werden?

Hans Leyendecker:
Er muss hartnäckig sein, bereit sein, viel zu arbeiten. Auch muss er offen für Menschen sein. Der häufigste Fehler besteht darin, dass er sich zu sicher fühlt und nicht die notwendigen Absicherungen beachtet. Auch
darf er sich nicht instrumentalisieren lassen. Wer glaubt, über Wasser gehen zu können, versinkt.

PreMedia Newsletter:
Die klassischen Medien wie TV und renommierte Zeitungen kooperieren bei Investigativ-Recherchen sehr erfolgreich. Könnte diese Entwicklung weiter zunehmen?

Hans Leyendecker:
Diese Entwicklung wird weiter zunehmen. Es ist sehr hilfreich, wenn unterschiedliche Redaktionen zusammenarbeiten. Da tun sich unterschiedliche Kulturen zusammen, um ein Ereignis aufzuklären. Der bisherige Höhepunkt in der Geschichte des Journalismus waren die Panama Papers, bei denen weit über dreihundert Journalisten aus fast achtzig Ländern zusammengearbeitet haben.

PreMedia Newsletter:
Wo endet aus Ihrer persönlichen Erfahrung heraus der kritische investigative Journalismus und wo beginnt der Aktivismus?

Hans Leyendecker:
Er endet da, wo sich der Jour­nalist instrumentalisieren lässt oder zum Jäger wird.

PreMedia Newsletter:
Ist der kritisch-hinterfragende Journalist Teamspieler oder Einzelkämpfer?

Hans Leyendecker:
Früher gab es mehr Einzelkämpfer. Der bekannteste ist der amerikanische Journalist Seymour Hersh, der über Jahrzehnte allein arbeitete. Heute zeigt sich, dass Teams sehr erfolgreich sein können. Unterschiedliche Begabungen, Temperamente arbeiten an einer Geschichte.
Die Redaktionen haben gute Chancen, wenn sie mehr bieten als die multimediale Konkurrenz.
Daran hat sich nichts geändert.

PreMedia Newsletter:
Journalisten sind Menschen, mit all ihren Stärken und Schwächen. Was kommt nach dem „Lügenpresse-Vorwurf“?
Haben die Medien eine Vertrauens-Krise?

Hans Leyendecker:
Die Medien hatten eine Vertrauenskrise. Die entstand auch dadurch, dass viele Medien keine Fehlerkultur hatten. Sie haben ihre eigenen Fehler kleingeredet oder gar verschwiegen. Das war falsch.

PreMedia Newsletter:
Hr. Leyendecker, ich danke Ihnen sehr für Ihre Einschätzungen und das
Gespräch.

Hans Leyendecker:  
Sehr gerne geschehen, Hr. Malik.

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